Montag, 27. Oktober 2014

Lektion 1

Eines Tages überrumpelte mich meine Klassenlehrerin, indem sie sich als Pionier_ - wie soll ich sagen - Pionieranführerin meiner Klasse outete. Ab da hielt sie frühmorgens die Hand zum Zeichen an die Stirn, sagte den Befehl  - ein Befehl wie eine Frage, und forderte mich und alle anderen Kinder heraus, die einzig richtige Antwort zu schmettern. Dazu legte ich ich die Hand mit der Daumenkante an meine Stirn und alle taten es gleich, ich tat es so wie alle.

Ein Spiel, ein Wortspiel, ein Soldatenspiel. Nur war es gar kein Spiel. Der Kontext sollte sich mit jedem Tag mehr und mehr füllen. Abgerissene Sätze, Befehl und Antwort zwar, aber. Zu was würde ich bereit sein, wenn es soweit wäre?

Ich hatte einfach nur Glück.

Heute gibt es immernoch Erstklässler und Klassenlehrerinnen und Schultage, die mit der ersten Stunde beginnen. Aber es ist nicht mehr üblich, dass die Lehrerin ihre Kinder zu Pionieren macht. Es ist nicht üblich, deshalb macht es wohl keiner mehr.

Vieles wurde von einem auf den anderen Tag unüblich.
Keine Appelle mehr von heute auf morgen. Der letzte Fahnenappell, der noch stattgefunden hatte, wurde einfach vergessen. Darüber gab es keine Worte zu verlieren.
Und dennoch wäre es schön gewesen.
Wenn an diesem anderen Tag die Schuldirektorin statt keines Appells die erste Versammlung für Schüler und Lehrpersonal einberufen hätte. Um sich zu entschuldigen. Um alle Kinder um Verzeihung zu bitten.

Es ist lediglich nicht mehr üblich, Pioniergruß und so Sachen, und deshalb wohl macht es keiner mehr. Sonst wäre es nicht zu verstehen, dass es an jenem anderen Tag keine Entschuldigung gab.


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