Freitag, 20. Mai 2016

Nicht süß


In der Schweiz soll es Berge geben, von denen aus man das Meer sehen kann. und riechen und sogar schmecken. Bei einer Sturmflut können die Menschen auf solch einem Berg sich zurückziehen in eine Berghütte. Das Wasser ficht sie nicht. Und doch weiß der eine oder die andere von Gischttropfen zu sagen, von Wasser, das von unten herauf gespritzt sei, und es wäre versalzen gewesen.

geschwommen, gekullert, gespielt
Wo ich wohne, gibt es einen See, zu dem ich einen halben Berg hinaufsteigen muss. Aber die Vögel, die müssen hinab durch ein Loch im Wald. Gegen Morgen finden auch Graureiher und Kraniche hinein und beim Hinausfliegen drehen sie Runde um Runde, bis ein Wind unter ihren Körper schlüpft und sie über den Rand zieht hinüber zum tiefen Land.
geträumt
Aus der Büchse der Pandora entwich zuletzt die Hoffnung, hörte ich erzählen. Ebenso wie ich hörte, sie sei auf dem Boden des Gefäßes zurückgeblieben, der Deckel war schon wieder zu. Ich kann mir aussuchen, wie ich die Geschichte enden lassen will.

Bei meiner Oma sitzt bei Tag eine Puppe in Schwarzwälder Tracht auf der Mitte des Bettes und auf einem Möbel, halb Tisch und halb Schränkchen, im selben Raum steht eine Zuckerdose. Auf weißer Klöppelspitze. Mit der Puppe darf ich nicht spielen und in der Zuckerdose mögen Süßigkeiten sein. Ich weiß, wie das riecht, wenn sich die Dose öffnet. Der Deckel sitzt ziemlich fest, doch es braucht weniger Kraft als Geschick, ihn zu lüften. Es braucht eine größere Hand als meine. Ich weiß, wie es duften wird. Niemals öffnet meine Oma die Zuckerdose. Meine Hand wächst noch, aber sollte ich dann?
Ich kenne meine Oma nicht wirklich, werden die Leute sagen. Wenn ich Oma nach der Puppe frage, lenkt sie mich ab mit einem Lied. Das hat eine einfache Melodie, die pendelt nur zwischen zwei Tönen. Auf die Dose zeige ich nicht und wir reden auch nicht darüber. Es ist fast, als gäbe es die Zuckerdose gar nicht. Aber ihre Gestalt ist unverkennbar und ihr Zweck damit auch.
Kann sich jemand vorstellen, wie Dinge größer werden, über die kein Wort verloren werden darf, auf die sich kein Finger richten soll.
Nicht süß, denkt es in mir, nicht süß.

Sonntag, 10. April 2016

Gefunden



Sie sind einander bereits bekannt oder erkennen sich das erste Mal im Leben in dieser Saison. Sie treffen sich zum Eis oder zu Eicheln, zum Schwimmen oder zum gemeinsamen Schreiten. Paare in meiner Nachbarschaft.




Samstag, 20. Februar 2016

Bloß im Wald

Ist es wirklich nötig gewesen, für die paar Tage im Jahr das Laubkleid auszuziehen? Überlegt Ihr es euch im nächsten Jahr anders? Oder wollt Ihr immer so weitermachen. Rituale helfen manchmal. Kann sein. Und. Achso, Ihr müsst euch umziehen. Genauso ist es. Es geht nicht nur darum, sich zu entblättern. Und nackt rumzustehen. Da kommt was Neues. Die Saison. Hellgrün ist angesagt. Neu macht der Mai. Ich weiß das zu schätzen. Obwohl ich das Hellgrün nicht mag. Zu grell, finde ich. Neon. Da gefällt mir fast wieder das Nackte. Bleibt so. Bleibt kurz so stehen, ich will euch fotografieren. Ein Gruppenfoto. Für meine Erinnerungen, damit ich weiß, wie Ihr einmal wart. Die Kiefern sind jetzt auch im Bild, naja, macht nichts. Ihr seid oben nicht kahl, das weiß ich. Aber untenrum schon. Ich liebe euch. Ihr seid gute Bäume alle miteinander. Wenn ich mich jetzt umdrehe, dann weiß ich euch geschlossen hinter mir.
Was gelingt es mir, Bäume um mich zu versammeln. Die rauschen können. immerhin.

Ihr Bäume habt Zeit. Habt Zeit zu wachsen und groß zu werden. Der Kleiderwechsel wiegt mich selig in meiner eigenen Zeit. Ich denke, ein Jahr sei vier Zeiten lang, allein schon der Winter sei lang und hart. Aber für euch Bäume ist es nur ein Augenblick des Umkleidens. Rückzug des Lebenssaftes aus dem alten Kleid, Innehalten und Besinnung,
Weiterwachsen.

Ihr seid eure eigenen Baumeister.

Mir sollte schwindlig werden, an euch hinauf zuschauen. Auf Augenhöhe bin ich mit dem Stamm. Er ist mein Gegenüber, wenn ich mit euch rede. Als wäre das nicht genug, mich von euch zu überzeugen, Über mir ein Rauschen. Unter mir ein Wurzelreich. Eures. Nie setzt Ihr die Krone ab. Schwindeln sollte mir, in euer tiefes Reich abzugleiten, zu fallen, einzugehen.

Ich habe das Gespräch mit euch gesucht. Verzeiht, wenn ich es falsch angefangen habe. Ich wollte euch nicht in eurer Kammer stören. Die neuen Kleider liegen bereit. Gewiss. Doch in mir tobt die Ungeduld. Macht schnell! Seid vorsichtig! Die eisigen Nächte, die kommen könnten. Die Kraniche sind dieses Jahr früher als sonst.
Kehrt mir bitte nicht den Rücken zu. Lasst mich nicht im Wald stehen. Ich weiß doch auch nicht weiter!
Wieviel Seiten ein Baum hat?
Wenn ich die Antwort weiß, darf ich wiederkommen?
Machts gut! Und seid bitte vorsichtig dieses Jahr. Es fühlt sich anders an als andere Jahre. Ich kann nicht einfach ein Bild von ein paar schönen Bäumen in die Welt setzen, nicht einfach so.


Montag, 1. Februar 2016

Einzug

31. Januar 2016 über Potsdam Bergholz-Rehbrücke

Samstag, 26. Dezember 2015

Suche

Als ich im Februar vor zwei Jahren mit einer Schachtel durch den Wald ging, war ich nicht allein. Nein, ich rede nicht mit Schachteln und niemand, den ich kenne, passt in eine Schachtel von so geringer Größe. Eine Streichholzschachtel, die an jenem Tage nicht zum ersten Mal einem anderen Zweck diente als dem, Streichhölzer aufzubewahren. Sie war meine Kamera.
Der Tag hatte mehr Blau als die Tage davor und mehr als ein Weiß und Flecken auf der Oberfläche1. Ich stellte die Schachtel auf erhabene Stellen im Waldboden.
Sie trug eine schwarze Ummantelung und hatte ein Loch, das sollte ihr Auge sein. Die Schachtel konnte  nichts sehen. Da gibt es keinen Unterschied zu einem gewöhnlichen Streichholzschächtelchen. Ich ließ Bilder entstehen auf einem Filmstreifen, der innen auf der Rückwand der Schachtel lag. Ich ließ Licht durch das Loch. Das dauerte Sekunden. Großes Kino in einem Schächtelchen. Sein dunkler Raum wird in diesen Sekunden um ein Vielfaches weiter, was da alles reinpasst! Dennoch hielt ich es nicht für möglich, dass mehr in der Schachtel sein könnte, als ein Filmstreifen und wenige Kubikzentimeter Luft.

Solche Luft, die wir atmen, die atmete Glubschi auch.

Er öffnete die Augen mit Mühe.
Sie tränten und die Wimpern klebten.
"Deine Guckerchen,"
pflegte seine Mutter ihn zu wecken, "nun bring sie schon auf."
Jetzt half ihm niemand und das erste Licht, was durch den Spalt zwischen seine Lider drang, zwang ihn sogar, die Guckerchen wieder zu schließen.

Glubschaugen.

Das waren die Hänseleien auf dem Schulhof.

Mit Willen brachte er sie auf, der Schmodder zog Fäden, die es zerriss. Sonne brach sich in den Schmodderfetzen!
Sonne,
das hatte er schon begriffen.
Glubschi blinzelte absichtlich, um die Farben länger betrachten zu können. Regenbogen flogen solange, bis seine Augen trocken waren.



Dann sah er die Welt
unscharf, weit und nah.

Das Nahe war etwas zu weit entfernt, wenn er es anfassen wollte, und das Weite so nah, dass er hineinzufallen drohte.


Ich brachte Glubschi weit in der Welt herum. So kam sie ihm mit einem Disch entgegen und mit einem Wusch flog sie hinter ihm weg. Ohne anzustoßen.
Gab es ein Hinter ihm? Das wusste er, auch wenn ich die Schachtel drehte, nicht.
Immer blieb etwas in seinem Rücken oder nichts.
Wenn ich gewusst hätte, wie still er hielt und versuchte, nicht zu atmen, um herauszufinden, was im Rücken lauerte, wie es ihn zum Luftholen nötigte. Es - das Nichts, das ihn im Luftanhalten zusammenzieht, der Augenblick, bei dem es nicht bleibt. Die Luft war eisig.


Auf fast allen Bildern hält Glubschi sich zwei Augen zu. Er hat nur zwei Hände. Mit den anderen Augen schmult er, ob die Welt, in der er aufgewacht ist, immer noch da ist. Hinter den Augen, die nichts sehen, denkt es. Glubsch versucht sich zu erinnern, an welchem anderen Ort er eingeschlafen war.

Ich habe meine Bilder von jenem Tag erst Wochen später auf Papier betrachten können. Mit der Filmentwicklung war ich säumig. Darum ist mir Glubschi entgangen.

Bis zum Betrachten der Bilder, hatte ich noch nie von Glubschi gehört. Nicht im Entferntesten. Und ich hörte auch nie wieder von ihm. Allein die Bilder waren es, die mich auf seine Anwesenheit stießen. Das Wunder jenes Tages hatte ich durch das winzige Loch in meiner Schachtel einlassen wollen, die Februarluft, das Licht, das den Reif auf Laub und Zweigen antastete und übers Eis schlitterte.
Auf den Bildern spürte ich seine Anwesenheit.
Ganz klar, suchte ich zuerst auf den Bildern nach Glubschi. Und natürlich fand ich ihn nicht. Denn die Bilder  - das waren gar nicht meine Bilder, die ich gemacht hatte, das waren seine Bilder, Glubschis, die er gesehen hatte mit seinen komischen Augen.

Ich mache mir keine Vorwürfe wegen vor zwei Jahren, ich sage auch nicht, hätte ich doch ..., hätte ich doch nur zu der Schachtel gesprochen. Er hätte sich gemeint gefühlt und wäre ... Ich rede bis heute nicht mit Schachteln. Vielleicht auch deswegen.


1 Flecken auf der Oberfläche, die mich an Außerirdische denken ließen.


Donnerstag, 3. Dezember 2015

Schnipsel



Dieses Bild könnte

Erste Schritte auf Gimp

oder

Eine ganz schlechte Fälschung, um zu beweisen, wer angefangen hat

oder

Der Mond ist aufgegangen, die Bäume malen Krikelkrakel

heißen.

Freitag, 20. November 2015

Fenster meiner Kindheit

Buchvorstellung: Heide Braasch (2015) Fenster meiner Kindheit. in Lyrik und Prosa. Leipzig

Als Kind habe ich mich im Geschichtenschreiben versucht und in der Jugendzeit war das Gedichteschreiben allabendlich ein Ventil. Ich hab Gefühlen Luft gemacht und meinen Träumen Raum gegeben. Es sind keine Werke daraus entstanden, nichts was eingerahmt gehört, es wäre auch falsch einen Maßstab an meine Zeilen zu legen, der nicht mein eigener ist. Für mich sind meine Gedichte und Geschichten Schnappschüsse, Momentaufnahmen, Langzeitbelichtungen - ich lese heute ein Gedicht von damals und es ist, als sähe ich mich auf einem Foto wieder. Als Zehnjährige, als Sechzehnjährige - . Das Gedicht bezeugt, dass es mich gab, bezeugt mein Erleben, meinen Blick in die Welt. Was in mir vorging, mein Wollen und Fühlen in jener Zeit. Das Gedicht oder der Prosa-Text ist Beweis meiner Lebenskraft. Und während mir bei alten Fotos, die ein Anderer von mir gemacht hat, oft der Kontext abhanden gekommen ist, ist er bei den eigenen Texten und Gedichten fast sofort da. Wie es Zeile für Zeile in mir dämmert, was damals zum Zeitpunkt des Schreibens für mich, mit mir war - das ist spannend.

Das Zauberhafte für mich an dem Buch von Heide Braasch ist, dass beim bloßem Hineinlesen jene Dämmerung in mir anhob. Ich sah die Bilder meiner eigenen Kindheit. Ich spürte eine Verbindung zwischen den Worten eines fremden Kindes und mir.

Verse, Reime, Gedichte, Geschichten, Fragmente von Geschichten unzensiert aus dem Sammelsurium an vollgeschriebenen Heften, Büchern, Schreibblöcken und Zetteln in ein Buch übernommen, Gedichtetes und Erdachtes aus zwölf Lebensjahren, von der Zeit an, als die Autorin des Schreibens mächtig wurde, bis zu dem Tag ihres Auszugs aus dem Elternhaus. Ich lese es mir und ich les es meinen Kindern vor. Sie sind fasziniert und das hat mich erstaunt und gefreut. Es macht solchen Spaß, mit einem von ihnen in den Seiten zu blättern. Ihnen sagen die Gedichte was, eins der Kinder spinnt die Geschichte weiter, ein anderes wird an die eigenen Geschichten erinnert, die es selbst vor Jahren erzählt hat.

Mit den Gedichten und Geschichten ist es wie mit Kinderzeichnungen. Ein Erwachsener kann das nur nachmachen, aber dann siehst du, dass es nur so ist, als ob. Als ob es ein Kind gemalt hätte. Heide Braschs Aufzeichnungen sind echte Kinderzeichnungen in diesem Sinn. Wo sie einfach und konkret sind, sind sie doch nie vereinfacht. Sie wirken nicht künstlich und auch da ungekünstelt, wo die Autorin einen Stil führt. Das Buch macht mit der chronologischen Ordnung der Texte und mit der Einteilung in Abschnitte nach dem Lebensalter der Autorin deutlich, dass es sich um Texte eines Kindes oder einer Jugendlichen handelt. Die Altersangabe ist beim Lesen im Hinterkopf. Für mich spielt das eine Rolle. Für Andere vielleicht nicht und das wäre für mich interessant zu erfahren.

Schreiben und Dichten im Spiel, - als Spiel, - spielend. Diese Assoziation hängt sich bei mir an das junge Alter. Andere in meinem Alter spielen selbstverständlich im Schreiben. Und mir zeigt Heide Brasch, indem sie mit ihrer Veröffentlichung meine Jugenderfahrungen mit dem Schreiben berührt, wenn du schreiben willst, dann tu es, drück dich aus, schreib, was dir von Belang ist zu schreiben, mach einfach, fang an.